Nicht zum ersten Mal habe ich einen Anime angesehen, weil mich die Cosplays dazu neugierig gemacht haben. Lange habe ich gezögert, da ich zwar Idols süß finde, aber mich nie wirklich länger mit diese Art Anime beschäftigen konnte. Letztendlich habe ich meine Neugier befriedigt und endlich den Anime zu Oshi No Ko – Mein Star angefangen. Ohne mich vorher zu informieren, worum es eigentlich geht – es geht doch sicher nur um süße Idols, also was soll schon sein? – bin ich direkt reingestartet. Ich war nicht auf den Impact vorbereitet, den der Anime haben würde…

Einige Monate sind seither vergangen und das Thema hat mich nie losgelassen. In Oshi No Ko haben sich für mich viele Ansätze versteckt, über die wir Social-Media-affinen Cosplayer viel zu selten nachdenken. Wir haben uns so sehr an die Welt von Social Media gewöhnt, dass wir aufgehört haben bestimmte Dinge zu hinterfragen. Der Anime bietet für mich die Gelegenheit, Punkte anzusprechen, über die man auf jeden Fall mindestens einmal nachgedacht haben sollte.

Höher, schneller, weiter

Viele Jahre lang habe ich beinahe ständig gehört „Oh du bist fame auf Instagram“, „XY wäre auch gerne fame“, „ich möchte bekannter werden..“ und und und. Mal ganz davon abgesehen, dass man, nur weil man ein paar Tausend Follower auf Instagram oder einer anderen Social Plattform hat, nicht gerade „fame“ ist, steckt häufiger viel mehr dahinter.

Während ich sowohl hier auf dem Blog als auch in meinem Podcast bereits unzählige Tipps dazu gegeben habe, wie man sich eine Social Media Präsenz aufbaut und dass man sich darüber klar werden sollte, was man denn eigentlich möchte, habe ich bisher weniger stark darüber gesprochen, was das mit Menschen macht.

Häufig ist das Problem, dass der Social Media Präsenz grundsätzlich zu viel Relevanz beigemessen wird. Ja, Social Media ist wichtig. Vor allem dann, wenn man selbstständig ist und möglichst effektiv, als auch kostenfrei, für sich und seine Produkte bzw. Dienstleistungen werben möchte. Social Media ist ein wichtiger Faktor in der Gleichung, um erfolgreich Geld zu verdienen, sich Bekanntheit zu verschaffen oder eine Botschaft zu verbreiten. Die Macht der sozialen Netzwerke ist definitiv nicht zu unterschätzen.

FOMO

Gleichzeitig verleitet eine Social Media Präsenz aber auch dazu, Prioritäten zu verschieben. Plötzlich wird das kleine viereckige Wunderkästchen mit dem Touchscreen zum ständigen Begleiter. Alles muss dokumentiert und veröffentlicht werden, digital „anwesende“ Personen sind vermeintlich wichtiger als reale Menschen und die Angst etwas wichtiges zu verpassen, wächst.

Anstatt sich über seine Ziele, Wünsche und Taten zu definieren, definiert man sich über Zahlen, Likes, Kommentare und Reichweiten. Man lässt sich tiefer in diese Spirale ziehen und vergisst dabei eines: im hier und jetzt zu leben.

Also anstatt sich für einen besonders tollen Menschen zu halten, weil man so und so viele Follower hat oder Videos mit Millionen Views veröffentlicht hat, sollte man sich stattdessen fragen, was für ein Mensch man ist, wäre morgen das Internet einfach weg. Oder konkreter gesagt, wäre morgen genau dieses soziale Netzwerk einfach abgeschafft. Kein unrealistischer Gedanke.

Der Druck von außen

Aber nicht nur eine eigene, gesunde Einschätzung ist enorm wichtig, sondern auch, wie man mit dem vermeintlichen Druck von außen umgeht. Sicher, ohne die Fans, die einen mit Likes und Kommentaren unterstützen, wäre man nie so weit gekommen. Da ist es nur verständlich, dass man versucht möglichst viel zurückzugeben und Wünsche oder Erwartungen zu erfüllen.

Leider wird dabei gerne vergessen, eine gesunde und auch notwendige Linie zu ziehen. Je bekannter der eigene Social Media Auftritt wird, desto mehr Erwartungen und Anforderungen begegnet man. Der Leistungsdruck und der Wunsch nach Perfektionismus steigen. Der unperfekte Mensch rückt in den Hintergrund und übrig bleibt ein scheinbar „perfektes“ Produkt im digitalen Konsumraum. Der Follower möchte nicht, dass es sich um einen echten Menschen mit Fehlern und Gefühlen handelt.

Aber gerade hier liegt das Problem. Der Mensch ist nicht perfekt. Um den Schein zu wahren, wird mit Tricks gearbeitet – glänzend und glatt gebügelt. So lange, bis der Mensch daran zerbricht.

Es ist schwer, sich von vermeintlichen Zwängen und Wünschen von außen zu lösen, aber es geht. Wir sind keine Maschinen, sondern Menschen und genau das sollten wir auch sein. Weg von einer scheinbar perfekten Scheinwelt, die uns – und vor allem auch denjenigen, die sie konsumieren – schadet.

Anstatt perfekt sein zu wollen, sollten wir lieber wir selbst sein. Ganz ohne Perfektionszwang und dann auch ohne Selbstwertprobleme. Denn am Ende gaukeln wir uns doch alle gegenseitig Perfektion vor, während wir genau daran zerbrechen.

Shitstorms, Mobbing und die Macht der Gerüchte

Im Internet werden oft Dinge gesagt oder getan, die man im realen Leben vor echten Menschen niemals oder zumindest nicht auf diese Weise tun würde. Das Internet bietet eine gewisse Anonymität, zumindest jedoch eine Unerreichbarkeit. Sage ich heute fiese Dinge, gehe morgen nicht online und es interessiert womöglich nächste Woche keinen mehr.Außer die Person, die von diesen fiesen Dingen attackiert wurde.

Alles was wir sagen oder tun hinterlässt Spuren. Es ist unglaublich, wie lange sich Gerüchte halten können und auch nach Jahren noch das Leben der betroffenen Personen beeinflussen können.

Das Streuen von Gerüchten geht über das normale Tratschen und Lästern unter Freunden raus. Es werden gezielt Informationen nach den Vorstellungen des Erzählers gestreut, – egal wie weit sie von der Wahrheit entfernt sind – mit dem Ziel, der anderen Person zu schaden. Nicht selten wachsen harmlose Missverständnisse, aufgeladen von Emotionen, zu echten Dramen und zu schwerwiegenden Problemen heran.

Keine Fiktion

So auch die Geschichte um Akane Kurokawa in Oshi No Ko. Ein harmloses Missverständnis in einer Reality-Show führt dazu, dass Akane im Netz von Fans der Serie hart verurteilt und brutal angegriffen wird. So weit, dass es beinahe kein „Happy End“ für die Figur gibt. Leider ist das keine reine Fiktion, sondern etwas, das in der Realität viel zu häufig vorkommt.

Kostenlose Hilfe, rund um die Uhr, findest du unter der deutschlandweit gültigen Telefonnummer:

0800 111 0 111
oder
0800 111 0 222

Nicht jeder, der sich im Internet öffentlich zeigt, ist dem gewachsen. Ehrlich gesagt, rechnet man auch nicht wirklich damit. Man unterschätzt, wie heftig negative Kommentare werden können. Regelmäßig wird einem gepredigt, dass man das doch erwarten müsse. Leider ist es genau so, dass man immer mit negativen Reaktionen rechnen muss.

Wie sehr negative Kommentare oft herunter geredet werden und als „Normalität“ akzeptiert werden, sollte nicht normal sein. Es wird immer jemanden geben, der dich kritisieren wird. Es wird immer etwas geben, dass die Leute finden und als „schlecht“ oder „falsch“ einstufen werden. Manche Personen brauchen nicht einmal einen Grund.

Allerdings musst du das nicht akzeptieren:

  • Du musst das nicht annehmen und auch nicht als „das gehört eben dazu“ herunterreden.
  • Du musst diese Kommentare nicht lesen oder gar auf deinen Profilen stehen lassen.
  • Du brauchst keinen triftigen Grund, um jemanden zu blockieren. Ein einfaches „Ich hab kein gutes Gefühl“ reicht.

Achte auf dich und vertrete deine Grenzen. Du hast nur dieses eine Leben und du bist dafür verantwortlich, dass du gut auf dich achtest.

Lese-Tipp: Dein Spielplatz & Deine Regeln – Was du gegen Hasskommentare tun kannst

Dein Leben passiert nicht online

Heutzutage wird das halbe Leben online geteilt. Angefangen von Restaurantbesuchen, tollen Gerichten, dem letzten Konzert bis hin zum Heiratsantrag, Geburt der Kinder oder Krankenhausaufenthalten. Dabei ist es vollkommen egal, ob es junge Menschen über Snapchat, Millenials über Instagram oder Boomer über Whatsapp teilen. Das halbe Leben findet online statt.

Das muss und sollte es aber nicht. Weder der Status in Whatsapp noch die Story „Enge Freunde“ auf Instagram sind ein sicherer Ort.

Sicher, es macht unglaublich viel Spaß sein Leben mitzuteilen und dabei vielleicht auch ins Gespräch zu kommen. Es ist auch grundsätzlich nichts schlechtes dabei, einige Erlebnisse zu teilen. Leider verfällt man aber früher oder später in einen Automatismus, weil plötzlich das online Posten einfach dazu gehört.

Foto: fayan.photography
Edit: SajaLyn

Die Masse an Daten, welche wir bereitwillig online mit anderen, ja auch mit Fremden, teilen, führt dazu, dass andere Menschen sehr einfach an umfassende Informationen über uns und unser Leben gelangen können. Auch ich bin hier keine Ausnahme. Während ich früher noch fleißig geteilt habe, wann ich wo im Urlaub bin oder wo du mich wann finden kannst, mache ich das seit Oshi No Ko in dieser Form nicht mehr.

Ein einfacher Post, wo du dich gerade befindest, kann dafür sorgen, dass dich Menschen finden und treffen können, die dir schaden wollen. Nicht umsonst wurde der Manga und Anime von Oshi No Ko von wahren Vorfällen inspiriert, wie z.B. die Geschichte um Hana Kimura.

Eine Warnung

Auch das Schicksal der Hauptfigur Ai Hoshino in Oshi No Ko ist geprägt davon, dass sensible Informationen über sie an die falschen Personen gerieten. In Folge 11 spricht der Charakter Kana Arima eine ernstzunehmende Warnung an ihre Freunde aus:

„Hört bitte auf, in Echtzeit zu posten wo ihr seid. Böse Fans könnten solche Posts ausnutzen, um euch zu verfolgen. Ihr könntet Opfer von Stalkern werden. Wenn man unterwegs ist, sollte man seine Posts später hochladen.“
(Oshi no Ko, Staffel 1, Folge 11, ca. 17:40 Min.)

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen traf mich diese Szene direkt und die Erkenntnis darüber ließ mich nicht los. Weil wir es gewohnt sind online zu posten, und häufig beinahe ausschließlich positives Feedback bekommen, vergessen wir zu schnell, welche Risiken es birgt. Erst im März 2025 schockierte mich die Schlagzeile über den Tod einer Influencerin, die während eines Livestreams ermordet wurde. Auch das ist kein Einzelfall.

Dass wir Eltern, die Videos und Fotos ihrer Kinder online teilen, kritischer betrachten, liegt uns noch nahe. Aber auch hier gibt es genügend Menschen, denen die Risiken nicht mehr präsent sind. Das Internet ist eben einfach keine kleine Bubble mit heiler Welt, auch wenn man nur diesen Part aktiv wahrnimmt.

Keine Angst, aber Bewusstsein

Mit diesem Beitrag möchte ich dir keine Angst machen. Ich möchte dir helfen ein Bewusstsein zu schaffen, um mögliche Risiken erkennen und entsprechend bewerten zu können. Mach dir Gedanken und überlege, ob jedes Foto und jedes Video ins Internet geladen werden muss. Und vor allem, pass auf dich auf!

PS: An die Mamas und Papas, Tanten und Onkel, unter uns: Denkt über das Hochladen von Kinderfotos zweimal nach. Ein digitaler Sticker, welcher auf dem Gesicht des Kindes platziert wurde, um dieses zu zensieren, ist leider keine sichere Methode.

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