Fast jeder Cosplayer war schon einmal in dieser Situation: Der Wunsch nach einem bestimmten Cosplay ist stark, die Deadline gesetzt und die Zeit wird knapp. Nur noch wenige Tage bis zur Convention. Die Abende werden intensiver, der Frust steigt und die Verzweiflung wächst. Die Nächte werden länger, der Schlaf wird weniger und die Vorfreude wird von Stress überschattet.
Herzlichen Glückwunsch, du hast Con Crunch kennengelernt.
Was ist eigentlich Con Crunch?
Als „Crunch“ bezeichnet man in der Computerspieleentwicklung eine Projektplanung, die zur Finalisierung eines Projekts Mehrarbeit, wie (unbezahlte) Überstunden, vorsieht. Das Projekt wurde (bewusst) in zu kurzer Zeit geplant, weswegen es nicht ohne erheblichen Mehreinsatz bis zur Deadline fertiggestellt werden kann.
Con Crunch ist in der Cosplayszene das entsprechende Äquivalent dazu. Cosplayprojekte, die zu spät angefangen, schlichtweg zu knapp geplant oder spontan eingeschoben wurden, führen fast immer zu Con Crunch. Diesen gibt es in unterschiedliche Abstufungen: Je schlimmer der Crunch, desto schlimmer auch die Folgen.


Zu Beginn ist die Motivation hoch, und die Hoffnung, dass das Cosplay doch noch rechtzeitig fertig wird, wirkt realistisch. Je näher die Deadline rückt, desto klarer wird das Bild, wie wahrscheinlich die Fertigstellung wird. Nicht selten sind Abstriche nötig, um den engen Zeitplan einhalten zu können. Häufig zu Lasten der Qualität.
1. Con Crunch ohne Qualität
Wer sein Cosplay unter Zeitdruck fertigstellt, hat kaum die Möglichkeit sein Bestes zu geben. Die ganze Energie wird in Geschwindigkeit statt in Qualität gesteckt. Je mehr die Zeit drängt, desto mehr Fehler passieren. Fehlt die Zeit, fehlt auch der Raum für nachhaltige Fehlerbehebungen oder notwendige Optimierungen.
Ursprüngliche Ideen werden über den Haufen geworfen, Teile des Projekts werden abgeändert oder gar ausgesetzt und die Gesamtqualität ist nicht annähernd auf dem Niveau, auf dem sie eigentlich wäre. Die Folgen?
- Du bist mit dem Ergebnis unzufrieden.
- Probleme fallen erst auf, wenn es zu spät ist.
- Eventuell fällt das Cosplay auf der Convention auseinander und muss notgedrungen vor Ort repariert werden.
- Das Cosplay muss im Nachhinein überarbeitet oder vollständig fertiggestellt werden.
- Das Cosplay lässt sich aufgrund der Kompromisse womöglich nicht mehr sinnvoll überarbeiten.

2. Die Kosten steigen
Nicht jede Idee lässt sich innerhalb jedes beliebigen Zeitrahmens umsetzen. Steckst du mitten im Con Crunch, kann es sein, dass du Ideen über den Haufen werfen musst, um das Cosplay rechtzeitig fertigzustellen. Das führt nicht selten zu weiteren Kosten durch Last-Minute-Lösungen.
Die Wunschperücke käme vielleicht nicht mehr rechtzeitig an. Statt zu warten, wird auf die Schnelle eine Notlösung gesucht. Plötzlich hast du zwei Perücken statt nur einer gekauft.
Du hast den perfekten Stoff für das letzte noch fehlende Kostümteil bisher nicht gefunden. Damit du das Cosplay trotzdem tragen kannst, kaufst du auf den letzten Drücker einen Stoff, mit dem du eigentlich nicht zufrieden bist.
Geld ist ein beliebter Puffer, um mangelnde Zeit auszugleichen. Nicht selten kommt es zu Folgekäufen. Das Projekt wird teurer als es eigentlich sein müsste. Dabei ist Cosplay von Haus aus schon kein günstiges Hobby.
3. Stress statt Spaß
Mehr Kosten und weniger Qualität – was denn noch? Im Crunch zu arbeiten bedeutet eine starke Stressbelastung. Anstatt sich über den Fortschritt und die eigene Entwicklung im Rahmen des Cosplayprojekts zu freuen, wird diese, oder vor allem das Ausbleiben dieser, zur Belastung.
Es bleibt kaum Zeit, um sich über (Teil-)Erfolge zu freuen, denn die Zeit drängt. Man hetzt von einer To-Do zur nächsten. Klappt etwas nicht wie gewünscht, ist der Frustfaktor deutlich höher als normalerweise – schließlich droht das Projekt zu scheitern.
Für viele Cosplayer ist das Arbeiten am Cosplay die größte Freude. Der Progress, egal wie groß oder klein er sein mag, ist ein wichtiger Teil der Reise und trägt dazu bei, dass man am Ende Stolz auf sein angefertigtes – oder zusammengestelltes – Cosplay ist. Gib deiner Reise Zeit und lass sie auf dich wirken. Dank dieser Reise hast du Raum, um zu wachsen und dich zu entwickeln.


4. Körper und Geist leiden
Schlafmangel, Stress, ungesunde Ernährung, Frust, Überforderung und Burnout – all das sind typische Begleiter des Con Crunch. Wenn wir an Cosplays arbeiten, dann hantieren wir nicht gerade mit leichten Werkzeugen. Nähmaschine, Dremel, Schere, Nadel, Heißluftpistole, Heißkleber, Epoxidharz, Cuttermesser oder oder oder – all das sind Dinge, die man nur mit Vorsicht benutzen sollte.
Das sichere Arbeiten am Cosplay verlangt nach Konzentration und Vorsicht. Leidet man unter Schlafmangel, Stress oder Überforderung, dann steigt die Verletzungsgefahr.
Im schlimmsten Fall führt die mentale Belastung zu körperlichen Beeinträchtigungen. Ganz sicher aber ist, dass deine Leistungsfähigkeit definitiv darunter leiden wird.
5. Con Crunch überschattet dein Con-Erlebnis
Der Con Crunch ist vorbei und der Tag der Wahrheit ist gekommen. Im schlimmsten Fall hast du es nicht geschafft dein Cosplay fertigzustellen und all der Stress war umsonst. Hast du es geschafft, wird die Freude definitiv von den Folgen des Con Crunchs getrübt. Es bleibt keine Zeit, um sich zu erholen.
Gestresst, schlecht gelaunt und völlig übermüdet geht es auf die Convention. Gerüche, Lautstärke, Lichter und unzählige Eindrücke sind, auch ohne Schlafmangel, bereits eine nicht unerhebliche Belastung. Der Besuch einer Convention kostet viel Energie. Energie, die du nicht mehr hast.
Schlechte Laune, Kopfschmerzen und Streitigkeiten sind die Folge. Anstatt also den lang geplanten Con-Besuch zu genießen, quälst du dich durch den Tag. Im schlimmsten Fall mit Kreislaufproblemen, die zum verfrühten Abbruch des Ausflugs führen. Nicht selten bist du der Grund, weswegen es in der Gruppe schlechte Laune gibt. Gibt es dann mit deinem Cosplay vor Ort Probleme, ist die Katastrophe perfekt.

Ist es das wert?
In meinen Anfängen als Cosplayer habe ich genau einmal echten Con Crunch mitgemacht. Ich fand es absolut furchtbar und habe mir geschworen, es nie wieder zu tun. Dabei habe ich nicht einmal annähernd die Extremform davon erlebt. Der Stress der langen Abende hat gereicht, um meine Freude zu hemmen.
Kein Crunch, aber Stress hatte ich im Sommer bei meinem Spontanprojekt Fionna aus Adventure Time. Ich habe es super spontan eingeschoben, um es zu einem geplanten Shootingwochenende tragen zu können. Zeitlich war die Umsetzung eigentlich unproblematisch, aber da ich viele andere wichtige To-Dos hatte, wurde es doch etwas stressiger.
Die Zeit wäre für das Projekt völlig ausreichend gewesen, um es bequem fertigzustellen. Leider hatte ich dann beim Verarbeiten des Stoffs unerwartete Probleme und der Stoff verhielt sich anders als angenommen. Letztendlich habe ich nach dem Shooting versucht den Schnitt des Oberteils weiter zu optimieren. Den Rock habe ich am Bund aufgetrennt, um ihn in meiner gewohnten Qualität erneut zu vernähen. Es war nicht weiter schlimm, aber einfach etwas schade. Hätte ich ein paar Tage mehr Zeit gehabt, wäre das Ergebnis besser geworden und man hätte die Verbesserung sogar auf den Fotos sehen können.
Con Crunch ist nichts auf das man Stolz sein kann oder sollte. Nicht immer ist Crunch zu vermeiden, gerade wenn Dinge passieren, über die man keine Macht hat. In den meisten Fällen, jedoch schon. Es ist deine ganz persönliche Entscheidung, ob du dich dem Con Crunch hingibst oder ob du dich für ein anderes Cosplay oder ein Casual Outfit entscheidest. Schließlich hast du dich lange genug auf die Convention gefreut und viel Zeit und Geld investiert, um den Ausflug mit deinen Freunden genießen zu können.
Landest du trotz vermeintlich guter Planung immer wieder im Crunch, solltest du diese überdenken und deutlich mehr Zeit (mit Puffer) einräumen, um ein Projekt umzusetzen. Vertrau mir, alles ist besser, wenn du nicht im Crunch bist!
Weitere Beiträge aus der Kategorie “Just Cosplay” findest du hier:
category/just-cosplay/
Zahlreiche nützliche Tipps & Infos findest du hier: Cosplay-Tipps & Infos
Folge mir auf Instagram oder Facebook:
Instagram
Facebook
Diese Bücher habe ich geschrieben:
sajalyn.com/buch
Besuche meinen etsy Shop:
shop/Sajalyn
Meine aktuellen Workshops & Jobs findest du hier:
sajalyn.com/workshop