„Wenn du dein Cosplay online postest, dann musst du damit rechnen, dass dich Leute kritisieren.“

Vielleicht wurde dir dieser Satz – oder eine ähnliche Formulierung – (mehr als) einmal um die Ohren geworfen. Nicht selten entsteht beim Cosplayen der Eindruck, eine Bewertung von außen wäre in Ordnung oder gehöre sogar dazu. Nur, weil du dich öffentlich zeigst, heißt es nicht, dass du dich jeglichem Kommentar aussetzen oder diesen sogar annehmen muss. Aber zurück zur Außenwahrnehmung und dem Kern des Problems.

Außenwahrnehmung – Mein Cosplay, deine Meinung

Cosplayer begeben sich mit ihrem Hobby immer wieder in die Öffentlichkeit, online als auch offline. Das eigene Cosplay zu zeigen, ist für viele ein wesentlicher Teil des Hobbys. Sei es auf Conventions, bei Fotoshootings, Social Media oder einfach bei kleineren Treffen im öffentlichem Raum.

Kommentare von anderen Cosplayern oder szenefremden Betrachtern bleiben dabei nicht aus. Sicher sind nicht all diese Kommentare negativer Natur. Viele sind nett gemeint oder schlichtweg Ausdruck persönlicher Präferenz. Diese Bemerkungen beziehen sich nicht nur auf äußere Merkmale, die der Cosplayer beeinflussen kann: Die Farbe oder Form des Lidschattens, das Styling der Perücke oder das Posing. Nein. Es werden auch Merkmale wie Körperstatur, Hautfarbe oder Gesichtszüge entsprechend bewertet und kommentiert.

Während du dich also über positive Bemerkungen freust, bleiben neutral gemeinte bis negativ formulierte Kommentare deutlich länger im Bewusstsein. Anstatt zu sagen, „Du überschreitest gerade eine Grenze. Mein Cosplay gibt dir nicht das Recht, meinen Körper oder mein Cosplay zu bewerten.“, nimmst du die Kommentare schweigend hin oder ärgerst dich im Stillen.

Je häufiger so etwas passiert, desto mehr nimmt man diese Bemerkungen (unbewusst) an. Die Folge? Das eigene Körperbild verzerrt sich zunehmend. Eigene Unsicherheiten werden verstärkt, der Fokus verschiebt sich. Was bleibt sind Zweifel, die sich nach und nach zu einer neuen Realität formen.

Körperbilder im Cosplay – fernab der Realität

Gehen wir ein paar Schritte zurück: Der Großteil der Charaktere, der von uns Cosplayern umgesetzt wird, basiert nicht auf realen Personen. Gezeichnete oder digital modellierte Charaktere, mit Körpern und Gesichtern fernab der Realität, sind unsere Inspiration und Grundlage eigener Interpretation. Übermäßig lange Beine, extreme Muskeln, riesige Augen oder unverhältnismäßig schmale Taillen. Dem auch nur nahe zu kommen, kann ein scheinbar unmögliches Unterfangen werden.

Aber auch Charaktere, die von realen Menschen porträtiert werden sind nicht leicht als perfektes Ebenbild umzusetzen. Unabhängig von Unterschieden in Körperform und Gesichtszügen, ist es von außen außerdem schwer abzuschätzen, inwiefern beim Kostüm der Körper bzw. das Gesicht des Schauspielers verändert oder betont wurde.

Der größte Kritiker

Während man beim Cosplay also auf der einen Seite ein, objektiv, schwer erreichbares Körperbild vor sich hat, hat man auf der anderen Seite die Vorstellungen des Cosplayers. Man ist selbst sein größter Kritiker, wie es so schön heißt.

Du kennst dich und deine Fähigkeiten, vor allem aber auch Fehler, viel zu gut. Du hast einen hohen Anspruch und möchtest dem Bild des Charakters gerecht werden, welches du dir über Jahre hinweg im Kopf erschaffen hast. Die eigene Erwartungshaltung könnte zum Teil also nicht weiter von der eigentlichen Realität entfernt liegen. Frust ist quasi vorprogrammiert!

Während man sich als Cosplayer also bereits selbst – bewusst oder unterbewusst – unter Druck setzt, einem Idealbild nachzueifern, kommen außerdem noch weitere Einflüsse hinzu.

Vergleichsdruck – Conventions, Community und online

Als Cosplayer, der regelmäßig Veranstaltungen besucht oder online postet, bist du einer permanenten Sichtbarkeit ausgesetzt. Ständig steht die Versuchung im Raum sich mit anderen zu vergleichen, die dieselben Charaktere gecosplayt haben. Dabei kann ein gewisses Konkurrenzgefühl entstehen, auch wenn Cosplay kein Wettbewerb ist!

Während man sich selbst stets am kritischsten betrachtet, ist es bei anderen eher genau das Gegenteil. Wir feiern die kleinsten Ideen und sehen über die größten Fehler hinweg, solange uns das Gesamtbild des anderen Cosplayers abholt und ein gutes Gefühl gibt. Da fragt man sich schon, warum man sich selbst nicht auch so sehen kann.

Alice Wonderland Wunderland SajaLyn Cosplay
Mein Lieblingsbild aus meinen Anfängen.

Die verzerrte Realität – Social Media

Die größte Gefahr lauert wohl online. Du vergleichst dein echtes Erlebnis mit der besten Version anderer. Ohne die Hintergründe des anderen Cosplayers zu kennen, setzt du dich in dieselbe Schublade und vergleichst dich gnadenlos. Dabei ist dir seltenst bekannt, unter welchen Voraussetzungen der andere Cosplayer sein Kostüm umgesetzt hat. Macht er Cosplay schon lange als Hobby, ist er Anfänger oder hat er sich in diesem Bereich professionalisiert und arbeitet sogar im Team? Eigentlich ein recht ungerechter Vergleich, oder nicht?

Ausgerechnet online versucht man sich möglichst tadellos zu präsentieren. Nur die besten Fotos schaffen es ins Netz. Viele Fotos werden bis ins letzte Detail optimiert. Alles muss stimmen: Licht, Posing, Winkel, Bearbeitung – selbst das kleinste Haar. Während du also deine Realsituation kennst, vergleichst du dich mit der optimierten Version eines anderen. Und genau das ist es, was du dir bewusst machen solltest.

Du siehst nicht die tatsächliche Realität mit all ihren Facetten, du siehst das, was andere präsentieren möchten.

Abstand schaffen und Fokus verschieben: Vom Körper zur Charakterdarstellung

Du siehst, es ist also nur allzu leicht in die Spirale der Unzufriedenheit zu fallen. Soweit, dass du glaubst, dass du nicht gut genug bist. Umso schwieriger ist es, sich von diesen Gedanken und verzerrten Wahrnehmungen zu lösen. Besonders, sobald man einmal in den Topf gefallen ist und von nun an ein falsches Körperbild von sich hat. Dennoch kannst du versuchen, dich davon zu lösen. Du schaffst das!

Löse dich von Social Media Accounts und Personen, die schlechte Gefühle in dir auslösen. Die andere Person kann (vielleicht) nichts dafür, dass du dich so fühlst. Es gibt keinen Grund zu bleiben und den negativen Gedanken freien Lauf zu lassen! Vielleicht kickt am Anfang erst einmal ein schlechtes Gewissen, aber das ist ehrlich völlig unbegründet. Stell dich und deine geistige Gesundheit an erster Stelle, denn nur so kannst du selbst ein positives Gefühl leben und auch an andere vermitteln.

Online sehen wir fast ausschließlich perfekte Bilder. Dennoch gibt es immer wieder Accounts, die reale Einblicke hinter die Kulissen bieten. Outtakes oder Behind-the-Scenes Content kommen bei jedem gut an und vertreiben die Schatten der „ach so perfekten Scheinwelt“.

Finde Cosplayer, deren Fokus nicht ausschließlich auf Perfektion, Glamour und Leistungsdruck liegt. Finde Cosplayer, die ihre echten Seiten zeigen und wie viel Spaß es machen kann unperfekt – einfach echt – zu sein.

Dein Körper ist Teil des Mediums, nicht das Zentrum

Dein Körper ist die Leinwand deines Cosplays und nicht das fertige Ergebnis. Du kannst diese vorgegebene Leinwand so gestalten wie du das möchtest. Sie ist nicht das Zentrum der Bewertung, sondern nur ein Teil des Ganzen.

Wie du deine Leinwand ausgestaltet und nutzt, bleibt dabei ganz dir überlassen! Passe das Cosplay an dich und deine Vorstellungen an. Nicht an die Wunschvorstellungen anderer.

Cosplay ist ein Prozess, der je nach Kostüm durchaus mal zurück auf Anfang springen kann. Du hast unfassbar viele Möglichkeiten, um dein Cosplay zu gestalten und wirken zu lassen. Lass dir die Zeit dich selbst und deine Vorlieben sowie alle Möglichkeiten kennenzulernen. Manchmal ist es auch notwendig zu abstrahieren.

Mir selbst gefallen beispielsweise bestimmte Umsetzungen an anderen Cosplayern extrem gut, aber an mir selbst würden sie mir überhaupt nicht gefallen. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die ich bei der Gestaltung meiner Kostüme nicht vernachlässigen darf. Nur, weil mir etwas an anderen gut gefällt, heißt es nicht, dass dieselbe Umsetzung für mich der richtige Weg ist.

Cosplay als Prozess – Jede Version hat ihren eigenen Charme

Feedback aus der Community

Wer mich schon länger kennt, der weiß vermutlich wie ich zu Feedback bzw. Kritik von anderen stehe. Lange wurde mir eingeredet, nur weil ich meine Cosplays online poste, müsse ich Kritik abkönnen. Würde ich diese nicht „annehmen“, wäre ich kindisch und nicht kritikfähig. Den Leuten fällt es allzu leicht jemanden ein schlechtes Gewissen zu machen. Gleichzeitig ziehen sie sich aber selbst aus der Affäre und werden patzig, dreht man den Spieß um.

Viele Kommentare sind schnell geschrieben und aus Sicht des Verfassers auch schnell wieder vergessen. Nur beim Empfänger bleiben sie zeitweise lange hängen. Die meisten Kommentare sind oberflächlich oder drücken einfach persönliche Präferenzen aus. Niemand weiß, wieso du dich für diese Art der Umsetzung entschieden hast. Wieso sollte jemand von außen besser beurteilen können als du, ob dein Cosplay für dich perfekt ist?

Tatsächlich habe ich bereits viel und ausführliches über das Thema geschrieben und gesprochen.

Daher möchte ich dir an dieser Stelle folgende Beiträge ans Herz legen:
Du wirst nicht besser, wenn du die Kritik anderer nicht annimmst! Oder?
All About Cosplay 033 – Kritik im Hobby
Mein Cosplay ist nicht schlecht!

Übrigens sind es nicht immer nur negative oder neutral formulierte Kommentare, die in uns einen gewissen Druck auslösen können. Auch übermäßig viel positives Feedback kann Druck erzeugen, „immer so aussehen zu müssen“.

Finde deinen Weg – Starte bei dir selbst

Letztendlich ist das Thema zum Körperbild im Cosplay recht komplex. Jeder ist individuell und etwas, das den einen belastet, muss für den anderen gar kein Thema sein. Während es allgemein bekannt ist, dass viele Menschen unzufrieden sind, weil sie „nicht schön“ genug wären, so habe ich ebenso mit Cosplayern gesprochen, die sich gewünscht haben, nicht nur auf ihr Aussehen reduziert zu werden.

Auch wenn es grundsätzlich gut ist bei seiner Reise mal links und mal rechts zu schauen, so solltest du dich beim Cosplay doch auf deine eigene Entwicklung konzentrieren.

Anstatt dich mit anderen zu vergleichen, Perfektionismus nachzueifern oder danach zu gehen, was andere sagen, solltest du dich auf dich selbst besinnen. Dokumentier deine eigene Entwicklung. Mach dir bewusst, was du an deinen eigenen Cosplays gut findest. Was funktioniert für dich besonders gut? Was findest du zwar schön, aber passt nicht zu dir? Betrachte den ganzen Prozess und nicht nur ein Ergebnis. Sei Stolz auf dich und auf deine Reise und akzeptiere unperfekte Momente als Teil des Ganzen.

Versuche außerdem herauszufinden an welchen Stellen du einem Körperbild nacheiferst, welchem du nicht nachkommen kannst oder sogar nicht nachkommen solltest. Erkenntnis ist tatsächlich der erste Schritt zur Veränderung. Als kleine Übung kannst du dir beim nächsten Schwimmbadbesuch einfach mal ganz unvoreingenommen andere Besucher betrachten. Und? Stört dich ihr Aussehen? Oder hast du eher die Erkenntnis, dass wir alle unterschiedlich und niemand perfekt ist.

Solltest du mal wieder zweifeln und darüber nachdenken, dass viele andere vielleicht besser sind als du… Auch andere Cosplayer haben ihre Zweifel, kritische Phasen oder sind unsicher! Nur, weil man etwas von außen nicht sehen kann, heißt es nicht, dass es nicht auch da ist.

Weitere spannende Beiträge aus der Kategorie „Let’s Talk“ findest du hier: /category/lets-talk

Lese-Tipp: Die Sache mit der Selbstliebe

Hör dir doch gern folgende „All About Cosplay“ Podcast Episode an:
073 – Körperbild – Cosplay ohne Filter (ab 09.07.26)
064 – Wie finde ich den passenden Charakter und fühle mich wohl?
058 – Fehler und Rückschläge im Cosplay
049 – Selbstwahrnehmung und Fotobearbeitung

Zahlreiche nützliche Tipps & Infos findest du hier: Cosplay-Tipps & Infos

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